Standardbild Berichte

Gaborone, 27. August 2004

Teil 2: Von bewohnten Festungen, internationalem Autohandel und Präsidenten, die ihre Reden nicht selber schreiben
Autor: Florian Hilti
Hoi LCR-Team,
Wieder schicke ich euch einen Bericht aus Botswana. Ich habe die irreführende Bezeichnung Reisebericht sabgeschafft. Schliesslich bin ich hier, um zu arbeiten. Ausserdem habe ich
noch ein paar Bilder vom letzten Wochenende angehängt.
Kgale Hill
angeführt, aber das wisst ihr ja…
Habe eure Resultate von Riehen gesehen. Das ganze Team scheint in Form zu sein. Der Mittwochabend in Athen war leider weniger erfreulich. Beide meiner „Landsleute“ sind im Vorlauf ausgeschieden, André Bucher und Glody Dube. Und das, obwohl Dube in der Lokalzeitung seinen Landsleuten versprach: „I will die on the track!“ Schade. Beide haben übrigens (in der achten und neunten Serie) das Feld über weite Teile des Rennens
Gestern haben sich uns (Reto und mir), als wir durch ein Quartier joggten, fünf kleine Jungs angeschlossen. Als ich nach etwa 100 Metern beschloss, das Tempo zu verschärfen, konnten wir nur drei abschütteln. Als dann auch Reto wieder aufgeschlossen hatte, versuchten wir die barfuss laufenden Nachwuchs-Kipketers (oder -Dubes) abzuhängen, indem wir über eine steinige Strasse liefen, aber
sie rannten einfach am Rand. So beschlossen wir Baboon auf Kgale Hill schliesslich, das Tempo hoch zu halten. Doch
unbeeindruckt übernahmen die beiden schliesslich die Führung, worauf wir fieserweise hinter ihrem Rücken einen anderen Weg einschlugen. Auch das konnte sie jedoch nicht davon abhalten, wieder an die Spitze zu gehen. Erst ein erneuter Sprint meinerseits nach fast 10 Minuten brachte die beiden dazu, sich von uns zu verabschieden und umzukehren. Ob sie den Heimweg wieder gefunden haben, weiss ich nicht. Aber ich weiss jetzt zumindest, weshalb die Afrikaner so
gute Läufer sind.
In der Schweiz (und natürlich auch in Liechtenstein) empfand ich die Art, wie die meisten Leute ihre privaten Gärten und Hausumschwünge gestalten, bisher immer als dem Gemeinschaftsleben und der nachbarschaftlichen Interaktion hinderlich. Die meisten bebauten Grundstücke sind von einer Hecke oder einem Zaun umgeben und man gewinnt oft den Eindruck, dass die Leute nur das interessiert, was in ihren eigenen vier Hecken passiert. Diesbezüglich muss ich meine Ansichten überdenken. Es sind zwar die wenigsten Häuser in Gaborone von einer Hecke umgeben, die meisten jedoch von einer Mauer. Diese
ist in der Regel rund zwei Meter hoch, darauf steht ein Zaun und dieser unter Strom. Manchmal hat es stattdessen auch einen freundlichen Stacheldraht. Ob diese Art, sein Grundstück gegen feindliche Eindringlinge zu verteidigen, von den Engländern stammt, weiss ich nicht. (vielleicht wissen es ja Phil und Steven).
Als ich letzte Woche bei einem Herrn des Finanzministeriums – ich weiss bis heute noch nicht, was dieser für ein Amt bekleidet – einen Termin hatte, wollte ich mit meinem mir bisher angeeigneten Wissen glänzen und zitierte eine
Rede des Präsidenten von Botswana, Festus Gontebanye Mogae. Leider stellte sich heraus,
Kgale Hilltop dass diese Rede nicht vom Präsidenten selber sondern aus der Feder meines Interviewpartners stammt. War ja auch klar. Welcher Präsident hat schon Zeit, seine eigenen Reden zu schreiben? Am Samstagabend lernten wir dann den Handels- und Industrieminister kennen. Dieser versprach gleich, für uns einen Ausflug ins Okawanga Delta zu organisieren (da wir armen Studenten uns so etwas ja sonst nicht leisten können), und warnte uns ausserdem vor unserem für Sonntag geplanten Ausflug auf den Kgale Hill, der höchsten Erhebung in Greater Gaborone. Auf diesem 267 Meter hohen Hügel soll es in letzter Zeit vermehrt zu Überfällen – besonders auch auf Touristen – gekommen sein. Wir sollten auf keinen Fall Wertsachen mitnehmen. Der Aufstieg bei über 40°C (der Frühling kündigt sich an!) durch Gestrüpp und über Felsen (wir konnten den offiziellen Weg, sofern es einen gibt, leider nicht finden) verlief
dann aber friedlich. Auf dem Gipfel trafen wir nur einen Affen und eine Gruppe Amerikaner an. Als wir jedoch wieder unten auf der Strasse waren, hielt ein dubios aussehender Wagen mit drei finster dreinblickenden Gestalten neben
uns an. Glücklicherweise war es nur die Polizei, die
uns warnte, beim nächsten Mal keine National Museum Wertgegenstände mitzunehmen. Ich sagte, dass
wir das bereits wüssten und deshalb auch ganz und gar nichts mitgenommen hätten. Bis auf die Digitalkamera stimmte das auch, aber sonst hätte ich ja den Affen gar nicht fotografieren können.
Im Übrigen habe ich eine neue Theorie globalen Automobiltransfers entwickelt. Die Qualität der sich auf Gabarones Strassen befindenden
Personenkraftwagen habe ich ja bereits im ersten Teil erwähnt. Ich bin nun sicher, dass diese Autos, die hier nach den ersten paar Wochen
National Stadium nicht mehr gebraucht werden, zunächst in die Schweiz und nach Westeuropa und erst viel später nach Osteuropa gelangen. In der Schweiz sieht man kaum solch neue Wägen. Dies bringt mich zu einem weiteren verblüffenden Punkt. Wie können die Leute trotz dem Staub und Sand der Strassen ihre Autos so sauber halten? Bisher hab ich erst eine Autowaschanlage gesehen, aber deren Besitzer sind sicher nicht arm. Eine weitere Frage, nämlich die, weshalb die Leute sich solche Autos
überhaupt leisten können, möchte ich im Folgenden kurz versuchen zu beantworten. Botswana gehört zu den weltweit grössten Produzenten von Diamanten, welche auch
gleich mehr als die Hälfte der Umweltbewusstsein Exporteinnahmen des Landes ausmachen.
Daneben hat das Land noch weitere Bodenschätze und exportiert auch sehr viel Rindfleisch. Meine Aufgabe ist es unter anderem, raumplanerische Wege zu einer besseren ökonomischen Diversifizierung, also weg von Mineralen und Rindfleisch, zu finden. Ein weiterer wichtiger Grund für die vielen tollen Autos ist die Tatsache, dass die Banken den Menschen staatlich garantierte Darlehen zu sehr günstigen Konditionen anbieten.
Darin liegt auch gleich ein weiteres Problem, mit dem sich mein Kollege Reto rumschlagen muss. Er sollte nämlich Vorschläge zur Verbesserung des öffentlichen Verkehrssystems ausarbeiten, aber das interessiert natürlich niemanden, wenn jeder zwei Autos in der Garage hat.

X