Standardbild Berichte

Gaborone, 13. September 2004

Dritter und letzter Teil: Warzenschweine und Studentenfest
Autor: Florian Hilti
Es ist erstaunlich, wie schnell sich Menschen an neue Situationen anpassen können. Wer besass bei uns vor zwanzig Jahren einen Computer? Und wer hatte vor 10 Jahren ein Mobiltelefon oder Internetzugang? Noch vor 5 Jahren musste man sich in der Schweiz um seinen guten Ruf fürchten, wenn man in der Öffentlichkeit mit einem Handy telefonierte. Nun, Gaborone hat diese Entwicklung auch hinter sich. Allerdings kommt bei Gaborone der Wandel zu einem komplett neuen Lebensstil hinzu, dem Stadtleben. Die heute am schnellsten wachsende Stadt Afrikas war nämlich zur Zeit der Unabhängigkeit 1966 ein Dorf mit 3’600 Einwohner. Heute sind’s schon rund 186’000. Schon erstaunlich, wie selbstverständlich die Menschen hier in ihrer Stadt zu leben scheinen.
Neulich war ich wieder mal mit Reto joggen. Plötzlich standen uns drei Warzenschweine (eins war ein Baby-Schwein) im Weg, die aus dem „Gaborone Game Reserve“ ausgebrochen sind, an dem unsere mittlerweile beliebteste Laufstrecke vorbeiführt. Anfangs waren wir etwas verunsichert, weil das eine Schwein, eines von den beiden alten, ziemlich unfreundlich gekuckt hat. Aber da es nicht extrem gross war, haben wir uns vorsichtig genähert. Auch das Schwein fing an, uns mit grimmiger Miene entgegenzulaufen. Wir wichen zurück, denn es hatte doch ziemliche Stosszähne. Nach kurzem Ausharren unsererseits zog es dann glücklicherweise ab. Ich hab ihm noch einen Stein nachgeschmissen, um unserem Willen etwas Nachdruck zu verleihen, aber es hat sich nicht mal mehr umgedreht. Bewaffnet mit Steinen und Holzprügeln (nur für alle Fälle) sind wir dann an der Stelle vorbeigelaufen.
Letzte Woche kam unser Professor aus Zürich. Wir veranstalteten einen Work Shop, an dem fast alle der eingeladenen Gäste teilnahmen. Ich war zunächst skeptisch, ob all die Directors, Officers und Manager mitten unter der Woche für so etwas Zeit finden würden. Schliesslich behielt unser Betreuer Recht mit seiner Behauptung, dass die Leute kommen würden, weil das Mittagessen gratis sei. Am Ende waren wir 18. Wir drei Studenten hielten Vorträge über unsere Themen und dann wurde diskutiert. Da gewisse Leute das Gefühl hatten, sie müssten zu jedem Thema ebenfalls einen Vortrag in der Länge der unsrigen halten, kamen wir mit dem Zeitplan arg in Verzug. Die abschliessende allgemeine Diskussion wurde hinfällig und man begab sich somit doch noch rechtzeitig zum Mittagessen ins Gaborone Sun Hotel. Glücklicherweise verlief der Nachmittag etwas entspannter. Unser Professor und seine Frau nahmen sich die Zeit, uns auf der nahe gelegenen Driving Range in die hohe Kunst des Golfspiels bzw. des Golfabschlages einzuweihen. Leider machten wir nicht genügend Fortschritte, um das Warzenschwein, das nur gut 100 Meter vor uns gemütlich auf der Wiese stand und sich mit Gras fressen vergnügte, zu treffen. Entweder stimmte die Richtung nicht oder die Distanz. Ich glaube, ich brauch an dieser Stelle nicht zu erwähnen, dass auch der Golfplatz nicht weit vom „Gaborone Game Reserve“ entfernt liegt.
Das vergangene und unser letztes Wochenende in Gaborone war für einmal etwas ereignisreicher. Am Freitag sind wir ins Kino. Catwoman im Game City, einem der grössten Shopping-Center, mit Restaurants, Friseurläden, Supermärkten, diversen anderen Geschäften und einem Kino mit 5 Sälen. Der Film war nicht sehr gut, aber da sie hier fast ausschliesslich Hollywood-Filme zeigen, war die Auswahl ohnehin begrenzt. Am Samstag war Studentenparty angesagt. „Freshers Ball“, das Erstsemestrigen-Fest der UB (University of Botswana). Das ganze fand in einem kleinen Stadion statt. Der Typ, von dem wir die Tickets gekauft haben (war sicher auch nicht der Normalpreis), versprach uns, uns an der schier endlosen Reihe wartender Studenten, die sich durch zwei schmale Eingänge durchpressten, vorbeizuschleusen. Statt dem vermeintlichen Hintereingang sah das dann allerdings so aus, dass er sich mit uns einfach ganz zuvorderst in die Reihe hineindrängte. Komischerweise hat sich niemand beschwert. Ob es an der Hautfarbe lag? Ich vermute eher, dass Warten den Leuten hier wenig ausmacht. Dass Schlangestehen in Botswana so eine Art Volkssport ist, konnte ich auch bei anderen Gelegenheiten schon beobachten. Beim Fest selber gab es eine Bühne mit Live-Musik. Hip Hop und R’n’B vom Feinsten. Von dieser Art Musik verstehen die Leute hier offenbar einiges. Zwischendurch spielten ein paar „Weisse“ (ausser uns fast die einzigen dort) mit langen Haaren. Ihr Black Metal Gegröle kam beim Publikum allerdings nur begrenzt an. Es gab nur eine Bar, wo sich dann auch alle hindrängten. Als ich einmal Getränke holen ging, hat mir jemand ständig in die Hosentasche gelangt und versucht, meine Geldbörse zu stehlen. Irgendwie konnte ich es aber deichseln, die vier Büchsen (die meisten Getränke werden in Gaborone aus Büchsen getrunken) mit einer Hand zu tragen und mit der anderen mein Portemonnaie festzuhalten. Später am Abend wurde es dann ungemütlich. Es kam zu einigen Schlägereien, die nicht gerade glimpflich abliefen. Einerseits wurden zweimal die am Boden liegenden Personen mit Fusstritten traktiert, andererseits handelte es sich beim zweiten Opfer um eine Frau. Als dann auch die Bar auf Grund einer Schlägerei nicht mehr zugänglich war, beschlossen wir, uns von der Party zu verabschieden. Die Vorstellung, selber in eine Schlägerei zu geraten, macht einem in einem Land mit HIV-Rate von beinahe 40 Prozent noch zusätzliches Kopfzerbrechen. Der Sonntag war dagegen etwas entspannter. Wir gingen auf Safari im Mokolodi Nature Reserve, nur wenige Kilometer südlich der Stadt. Die zweistündige Fahrt durch das Reservat, dessen Vegetation an die Toskana im Frühling erinnerte, gab uns einen ersten Vorgeschmack auf die kommenden 3 Wochen, auch wenn wir nicht sehr viele wilde Tiere sehen konnten. Dass es um 2 Uhr nachmittags zu heiss sei und wir besser früh am Morgen oder gegen Abend gekommen wären, wurde uns nämlich erst nachher gesagt.
Ende der Woche ist unser Aufenthalt in Gaborone beendet. Die kommende Woche ist noch etwas ungewiss, da unser Trip ins Okavango Delta erst diese Woche organisiert wird. Anschliessend sind wir 14 Tage quer durch das südliche Afrika unterwegs. Am Sonntag, den 26. September, geht es in Zimbabwe mit den Victoria Falls los. Anschliessend geht’s zurück nach Botswana in den Chobe National Park und (vielleicht zum zweiten Mal) ins Okavango Delta. Danach geht es nach Namibia in den Etosha National und den Cheetha Park. Am Ende geht’s über Palmwag nach Swakopmound an der namibischen Westküste, von wo aus wir dann vier Tage haben, um wieder nach Gaborone zu kommen und unseren Flug zurück in die Schweiz nicht zu verpassen.
Obwohl das von uns durchreiste Gebiet vor allem das Okavango Delta Malaria gefährdet ist, gilt meine grösste Angst der Bilharziose. Diese sich in stehenden Gewässern befindenden Würmer dringen nämlich durch die Haut ins menschliche Gewebe ein und kriechen dann unter dieser bis in die inneren Organe, wo sie, wenn nicht früh genug entdeckt, massiven Schaden anrichten können.

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