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2 Monate Mongolei (5. Reisebericht)

Autor: Sven Kropf
Hallo Freunde
Stellt euch ein Grasbüschelchen vor. Nicht ein saftiges, aber auch kein völlig ausgedörrtes. Halt einfach etwas zwischen gelb und grün. In etwas
Abstand daneben … ein zweites Grasbüschel. Dazwischen Kies. Dann … ein drittes, ein viertes, ein fünftes, … ein hundertstes, … ein
tausendstes, … ein hunderttausendstes. Als ganzes gibt das eine grünlich gelbe Ebene, welche sich bis zum Horizont hinzieht. Dann und wann hockt ein Vöglein in dieser Ebene. Manchmal auch eine Taube, ein Rabe, eine Möwe (!), ein Geier, ein Falk, oder ein Adler. Allerdings eher selten! Noch
seltener huscht ein Fuchs davon. Häufiger wiederum ein Mäuschen, ein Erdhörnchen, Erdmännchen oder ein Murmeltier, das aber bald schon von der grünlich-gelben Ebene verschluckt wird. Weisse Punkte, welche man schon von weitem sieht, sind Jurten (Nomadenzelte). In ihrer Nähe gibt es
weiss-schwarz-braune Punktscharen, welche Schaf-Ziegen-Herden darstellen. Sind es weniger, dafür eher grössere Punkte, so handelt es sich um Kamele, Pferde, Kühe oder Yaks. Ach ja: Die Landschaft in der Mongolei variiert je
nach Himmelsrichtung und Meereshöhe, indem die Grasbüschel einmal kurz und einmal lang sind, der Abstand dazwischen einmal eng und einmal weit, das
Kies einmal fein und einmal grob und die ganze Oberfläche einmal flach und einmal bergig.
Die Mongolei besteht aus genau zwei Teilen: Der Hauptstadt Ulan Bator und dem Rest des Landes. Es gibt Leute, die sagen, es brauche viel Zeit um etwas von der Mongolei zu sehen. Sie sprechen damit die Weite des Landes und die Schwierigkeit, sich darin fortzubewegen, an. Andere sagen, die Mongolei habe man schnell gesehen und meinen damit vielleicht die Eintönigkeit …
Ja, es hat verdammt wenig Leute in diesem Land. Aber das Land hat ja schliesslich nur eine einzige wirkliche Stadt, der Rest ist eher trockenes Weidland. Faszinierend sind hier für uns nicht die Nationalparks mit ihren (relativ!) hohen Touristenkonzentrationen, sondern die unglaublich weiten Landschaften, welche im Gegensatz zu so vielen anderen dieser Welt noch kaum durch Industrie verändert wurde.
Es schneit und ist irgendwo zwischen -10 und -20 Grad Celsius kalt. Der Wind treibt die Schneeflocken horizontal und die Piste ist nur noch stückweise
zu sehen. Zum nächsten Dorf sind es 170 km. Die Abenddämmerung beginnt. 200 m neben der Piste steht ein Mann im Mongolenmantel neben seinem russischen Motorrad. Hat er Panne oder sucht er seine Pferde? Keine Ahnung! Mütze trägt er jedenfalls keine – die ist für den Winter gedacht …
Ein Kind steht am Pistenrand und winkt. Wir halten an und lassen es
einsteigen. 80 km weiter im Dörflein weist es uns den Weg zum Schulhaustor. Es ist Montag Mittag. Also ist der Bub dieses Mal nur einen halben Tag zu spät!
In unserem Kocher ist der Anzündfilz kaputt. Egal, denn es gibt in der Mongolei keinen Fleck, wo der nächste Kamel-, Pferde-, Kuh-, Ziegen-, Schafs- oder Yakmist weiter als 10 m entfernt ist. Er eignet sich gut, um mit Benzin getränkt den Kocher vorzuwärmen.
Von Tsetserleg nach Ulan Bator sind es 480 km. Wegen den guten Pisten dauert die Fahrt nur 10 Stunden. Um 8 Uhr sitzen wir in einem bereits vollen
Minibus und rechnen aus, um 18 Uhr anzukommen. Wir fahren auch gleich los … 3 Häuser weiter. Hier wohnt eine gute Kollegin des Fahrers. Bis diese
ihr Handtäschchen gepackt hat und auch bei uns im Minibus sitzt, dauert es eine halbe Stunde. Vom Nachbarn kriegt der Fahrer ein Seil, um das Gepäck auf dem Dach festzubinden. Dann fahren wir los … zurück zum
Minibus-Stand. 10 Minuten nur, dann geht’s ab … über die Strasse. Der Fahrer verschwindet in eine Autowerkstatt … für 30 Minuten. Die übernächste Station ist dann schon die Tankstelle. Ein gutes Zeichen, denn danach kann es wirklich losgehen. Um 10:15 Uhr verlassen wir Tsetserleg.
Unterwegs verschwindet unser Fahrer immer wieder in einem Dorf in ein Haus, wohl um mit einem Freund Tee zu trinken. Ein anderes Auto hat einen Platten und freundlicherweise halten wir an … damit unser Fahrer beim Reparieren zuschauen kann! Um 23 Uhr sind wir in Ulan Bator und kein Fahrgast murrt. Alle sind sie die ganze Zeit brav und ruhig sitzen geblieben. Wahrscheinlich sind wir Schweizer nur pünktlich, weil wir so ungeduldig sind …
Fakten? Von Kazachstan sind wir vor 2 Monaten in die Westmongolei geflogen. Während 2 Wochen sind wir dann in 3 Etappen und total ca. 60 Stunden nach Ulan Bator gefahren. Um unabhängig zu bleiben (öffentlichen Verkehr gibt
es in der Mongoloei so gut wie keinen), haben wir einen russischen Jeep gekauft und sind mit diesem drei Wochen in die Gobi im Süden (mit Bruder Erik und OL-Kollege Thomas Hirter) und zwei Wochen in die Berge im Norden gefahren. Am 15. Oktober treten wir unsere Rückreise per Transsib nach Europa an mit geplanten Stops in Ulan Ude am Bajkalsee, in Novosibirsk und in Yekatarinburg am Ural. Dies war somit wohl unser zweitletzter
Reisebericht …
Liebe Grüsse aus dem wilden Osten Karin und Sven

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