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Ein Jahr an der San Jose State University

Autor: Philip Marshall
Wie viele Schweizer Läufer/innen vor mir, hab auch ich mich zu einem Austausch in den Vereinigten Staaten entschlossen und lerne dabei alle Seiten des amerikanischen Lebens kennen.
Wie viele auf meiner Homepage www.marshall.li bereits gelesen haben, lebe ich seit August letzten Jahres mit sieben Kollegen in einem über 100 Jahre alten Haus in Downtown San Jose lediglich drei Strassen von meiner
Universität entfernt. Die Nähe zur Uni hat viele Vorteile, den längeren Schlaf würde ich als grössten bezeichnen. Auch sonst ist die San Jose State University nicht vergleichbar mit meiner Heim-Uni der Zürcher Hochschule Winterthur. Immerhin besuchen 30’000 Studenten täglich verschiedenste Studienrichtungen, welche sich auf 63 Hecktaren Campus im Stadtzentrum von San Jose verteilt sind. So komme ich jeden Tag von neuem mit Leuten zusammen, welche nicht nur eine andere Nationalität haben als ich, sondern auch nicht im Geringsten was mit meinem Wirtschaftsfächern zu tun haben wollen. Beispiele
wären dabei meine deutsche WG-Kollegin die Industrie Design studiert, indische IT-, weisse US Psychologie -, chinesische RW-, mexikanische Engeneering- sowie schwarze US Sportstudenten mit denen ich verschiedentlich in Kontakt komme. Überhaupt, komme ich als Austauschstudent bei allen gut an und habe Freunde aller couleur. Als Steve mich besuchen kam, wurden wir als einzige Weisse an eine Geburtstagsparty einer meiner vietnamesischen Studienkolleginnen eingeladen. Das ist, so hab ich verstehen müssen, nicht selbst verständlich. Denn obwohl amerikanische Firmen sehr bemüht sind Diversität in ihren Unternehmungen zu fördern, hat diese Offenheit in den Köpfen der Bevölkerung noch nicht statt gefunden. Dabei sind nicht wie in der Vergangenheit die Weissen schuld. Es machen alle mit. Asiaten bleiben unter Asiaten, Schwarze gruppieren sich mit Schwarzen und die weissen Fraternity-Brüder bleiben auch unter ihresgleichen. Dass die Inder ohne lokale Beteiligung Cricket spielen versteht sich auch bei uns. Nichtsdestotrotz, ist dies eines von vielen Dingen die ich am Leben hier in den Staaten nicht verstehe,
denn alle sind Amerikaner, sprechen alle gleich schlecht 😉 Englisch und sind alle Einwanderer. Ausser mir scheint es hier niemanden zu stören. Angesprochen auf die Situation reagieren alle gelassen wünschten sich keine Änderung des Status-quo.
Sportlich geht’s mir in Kalifornien nicht so gut wie in der Schweiz. Die Trainings mit dem Crosscountry Team musste ich nach wenigen Wochen absetzten, da Coach Aubright ungern gegen NCAA Regel verstösst. Diese besagen, dass ein CC-Team nur 10 Läufer beinhalten darf und dass während des Trainings nur Teammitglieder teilnehmen dürfen. Da es dem ältern Coach sichtlich unwohl war wenn ich dabei war, entschloss ich mich nicht mit ihnen zu trainieren.
Meine läuferische Tätigkeit beschränkt sich nun auf Einheiten im lokalen Park alleine oder mit Ricky. Mit ihm mache ich meistens mein Wochenendtraining in den Santa Cruz Hills. Da das Training ohne Ziel nur halb so viel Spass macht, habe ich mich entschlossen im Juli am San Francisco Marathon über die halbe Distanz an den Start zu gehen. Da ich die Wettkampfsaison 2007 in der Schweiz wegen meines Praktikums hier in den Staaten sowieso verpasse macht es mir nichts aus Kilometer zu fressen.
Obwohl die San Jose State University nur noch über ein CrossCountry-Team verfügt, genoss das SJSU Track-Team früher grosses Ansehen. Ende der 80er fiel es jedoch wurde es aufgelöst, da die inzwischen spärlichen Finanzen für das Football Team gebraucht wurden.
Davor waren die Leichtathleten von „Speed City“ äusserst Erfolgreich. Mehrere Olympiamedaillen wurden von Spartans gewonnen. Die wohl prägendste Erinnerung von SJSU Athleten an Olympischen Spielen kam in Mexico 1968. Als Tommie Smith und John Carlos über 200m Gold und Bronze für die USA gewannen. In diesem Jahr war in den Staaten die Hölle los, nachdem Robert Kennedy und Martin Luther King Jr. erschossen wurden,
die Öffentlichkeit immer mehr gegen den Vietnam Krieg protestierten und wöchentlich Bürgerrechtsbewegungen von der Polizei gewaltsam aufgelöst wurden. Was Tommie Smith und John Carlos an der Siegerehrung ihres 200m Laufes taten war für die damalige Zeit extrem mutig. An der Siegerehrung trugen sie schwarze Handschuhe und schwarze Socken. Als die Nationalhymne spielte reckten beide
SJSU Läufer die Fäuste in die Höhe um auf die Bürgerrechtsbewegung in den USA aufmerksam zu machen. Die Beiden
wurden in den darauf folgenden Tagen scharf kritisiert und vom olympischen Verband suspendiert, da es sich um eine politische Geste handelte.
Zu hause jedoch, wurden sie wie Helden gefeiert. Vor allem natürlich an der SJSU. 2005 wurde die Siegerehrung als Statue nachgebaut und steht jetzt auf dem Campus.
Vor einer Woche war Tommie Smith auf Werbetour für seine Autobiographie zu Gast in San Jose. Die Gelegenheit den
Olympiasieger von 1968 zu treffen, liess ich mir natürlich nicht entgehen. An der Autogrammstunde philosophierten Mr Smith und ich etwas über die Leichtathletik und stellten fest, dass ich die bessere 800m Zeit innehab. Sein Kommentar dazu: „Get outa here!“
Euch LCR Athleten wünsche ich viel Spass und Schweiss im Trainingslager in Massa und einen optimalen Saisonstart im Mai.
Sportliche Grüsse Phil

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